Spiritual Bypassing – Wenn Spiritualität zur Falle wird

schamanische Reisen Melanie Werth

Auf meinen Wegen bin ich vielen spirituellen Menschen begegnet.
Ich selbst bin in einer sehr christlich geprägten, spirituellen Welt aufgewachsen.

Spiritualität scheint etwas zutiefst Menschliches zu sein.
Wir sind endlich.
Wir wissen nicht, warum wir hier sind.
Wir sehnen uns nach Sinn, nach Zugehörigkeit, nach Erlösung.

Und manchmal finden wir sie – oder glauben, sie zu finden – in spirituellen Systemen:
in Gemeinschaft, in Ritualen, in dem Gefühl, „weiter“, „bewusster“, „näher an der Wahrheit“ zu sein als andere.

Dann hören wir Sätze wie
„alles ist eins“,
„das All-Eine“,
„Nondualität“.

Und etwas beginnt zu verschwimmen.

Gerade habe ich „Facetten der Einheit“ von A. H. Almaas gelesen.
An mehreren Stellen schrie mein System förmlich auf.

Ja – auf einer Ebene sind wir miteinander verbunden.
Ja – es gibt eine Erfahrung von Einheit, die real sein kann.
Vielleicht auf der Ebene des kollektiven Unbewussten,
des Traumbewusstseins,
des Mystischen.

Aber wir leben hier auf der Erde als individuelle Wesen.
Wir haben Körper.
Geschichten.
Wunden.
Erinnerungen.
Wir atmen, altern, verlieren, lieben, sterben.

Wir erleben Trauma.
Angst.
Ohnmacht.
Scham.
Und auch Freude, Lust, Lebendigkeit.

Licht und Schatten gehören zusammen.
Nicht auf einer abstrakten Ebene –
sondern hier, in diesem konkreten Leben.

Wenn ich in einem spirituellen System lebe,
das nur das Licht anerkennt
und den Schatten auslagert,
dann passiert etwas Gefährliches:

Der Schatten verschwindet nicht.
Er wird nur fremd.

Er ist dann „nicht mehr meiner“.
Er liegt im Außen.
Er wird zu „dem Bösen“,
zu „dem Unbewussten“,
zu „der niedrigen Schwingung“,
zu Dämonen, Teufeln, dunklen Energien.

Und genau hier schnappt die Falle zu.

Die Entwicklung unserer Götterbilder erzählt davon eine alte Geschichte:
In frühen Mythen – etwa bei Inanna – war das Göttliche ambivalent.
Grausam und liebend.
Zerstörend und nährend.
Licht und Dunkel in einem.

Später wurden diese Kräfte getrennt:
Gott hier,
Teufel dort.
Nur gut.
Nur böse.

Psychologisch ist das eine Abspaltung.

Und sie lebt bis heute weiter –
auch in modernen spirituellen Szenen.

Ich habe Sätze gehört wie:
„Wenn du nicht in der Nondualität bist, bist du noch nicht so weit.“
„Gib deine Themen Gott, er versenkt sie im Meer mit dem Schild ‚Angeln verboten‘.“
„Wenn du noch Probleme hast, glaubst du nicht genug.“

Das klingt harmlos.
Aber es ist brandgefährlich.

Denn was hier entsteht, ist nicht Heilung –
es ist Verdrängung.

Der Schatten wird weggesperrt.
Er gilt als „niedrig“, „unspirituell“, „böse“.
Und weil er nicht mehr zu mir gehören darf,
muss ich ihn irgendwo sehen.

Also sehe ich ihn in anderen.

In „schwierigen Menschen“.
In „toxischen Partnern“.
In „unreifen Klient:innen“.
In „negativen Energien“.

Menschen, die so leben, begegnen mir immer wieder:
strahlend, lichtvoll, überzeugt –
und gleichzeitig voller unbewusster Machtspiele,
Gaslighting,
Schuldumkehr.

Wie die Drachen in Ursula K. Le Guins Erdsee,
die mit Wahrheit spielen,
sie drehen und biegen,
bis am Ende immer der andere das Problem ist.

Das ist Spiritual Bypassing.

Le Guin beschreibt in „Ein Magier von Erdsee“ etwas sehr viel Wahreres:
Der Schatten jagt den Menschen so lange,
wie er ihn nicht als seinen eigenen erkennt.
Solange er ihn bekämpft, verleugnet, wegzaubert,
wird er größer und bedrohlicher.

Der Held hat mehrmals die Möglichkeit,
sich von fremder Macht „erlösen“ zu lassen –
durch Zauber, durch Drachen, durch Geheimwissen.
Und jedes Mal spürt er:
Das wäre keine Freiheit.
Das wäre nur eine neue Abhängigkeit.

Erst als er bereit ist,
sich seinem Schatten direkt zu stellen
und ihn beim Namen zu nennen,
endet die Jagd.

Nicht mit einem großen Sieg.
Nicht mit Licht.
Sondern mit Wahrheit.

Der Schatten verliert seine Fratze,
sobald er nicht mehr abgespalten werden muss.

Vielleicht ist das der Punkt,
an dem Spiritualität aufhört, eine Flucht zu sein
und anfängt, ein Weg zu werden:

Nicht wenn wir immer heller werden.
Sondern wenn wir nichts mehr aus uns verbannen müssen,
um uns liebenswert zu fühlen.

Nicht die Einheit heilt.
Die Beziehung heilt.

Die Beziehung zu dem, was wir sind –
auch dort,
wo es dunkel ist.