Ich glaube daran, dass in uns eine Stimme wohnt, die die „Wahrheit” kennt und auf die wir lernen dürfen, wieder zu hören. Die Intuition.
Im therapeutischen Kontext kann Machtmissbrauch so aussehen: Eine Klientin kommt zu einem Therapeuten. In diesem Setting hat der Therapeut Macht. Deutungshoheit. Er ist der Experte, sie die Hilfesuchende. Das allein ist nicht das Problem – solange er seine Verantwortung trägt.
Aber wenn er das nicht tut? Wenn er sich stattdessen von ihrer Bedürftigkeit ernährt? Dann wird aus dem therapeutischen Raum eine Falle.
Narzisstischer Missbrauch lebt von Kontrolle und Macht. Beides ist im therapeutischen Setting gegeben. Die narzisstische Zufuhr ist für den Therapeuten grenzenlos, solange die Klientin klein bleibt, ihn braucht, ihn idealisiert. Er weiß es besser. Er meint es gut. Er ist liebevoll und sieht sie.
Aber was er tatsächlich tut: Er hält sie klein. Wird sie größer, verdreht er ihre Gedanken, damit sie wieder unten sitzt und zu ihm aufschaut.
Irgendwann spürt sie, dass etwas nicht stimmt. Eigentlich hat sie es sehr schnell gespürt, aber er ist so geschickt, dass er ihr Unbehagen immer wieder beruhigt. Sie benennt es. Mit ihm. Fataler Fehler. Er erklärt ihr in den logischsten Worten, warum hier alles genau richtig ist und was mit ihr nicht stimmt.
Sie schluckt es. Wieder und wieder. Sie fühlt sich nicht besser. Sie fühlt sich schlechter.
Ein schleichendes Gift. Manipulation. Gezielte Tötung der Intuition.
Aber: Die Intuition stirbt nicht. Sie wird verschüttet. Und irgendwann – oft erst Jahre später, wenn sie raus ist – hört die Frau sie wieder. Leise. Aber da. Und dann bahnt sie sich ihren Weg und wird laut. Unüberhörbar.
Ich bin diese Frau. Und das Beschriebene ist sehr verkürzt und vereinfacht.
Es war ein langer und schwerer und schmerzhafter Weg.
Vieles hat geholfen, vieles nicht. Ich habe auf meinem Weg ein starkes Interesse an Früh- und Urgeschichte entwickelt. Immer mit der Frage: Was war davor? Und was war davor? Ich landete bei den Mayas und in Ägypten, in Mesopotamien und bei den Kelten. Aber ich fand nicht, was ich suchte. Ich fand es in der Chauvet Höhle und in der Venus von Willendorf, auch bei den Sufis. Etwas Ursprüngliches, Urweibliches. Etwas Wahrhaftiges.
Etwas, das unerschütterlich intuitiv ist und dass ich in mir spüre. Eine Verwurzelung, eine Urkraft, die tiefer reicht als meine Erinnerung.
Meine Reise durch die Geschichte der Menschheit brachte mich zu zwei interessanten Menschen: Harald Meller (ich stieß auf ihn wegen der Himmelsscheibe von Nebra und der Schamanin von Bad Dürrenberg) und Ursula K. Le Guin (ich habe die Erdsee Bücher gelesen).
Und beide stellen die gleiche Frage, die auch ich mir stelle: Warum kann es sich geradezu normal anfühlen, dass jemand Macht über uns hat? Dass wir uns unterordnen sollen? Dass unsere Intuition „falsch” ist, wenn sie widerspricht?
Beide sagen: Es geht (oder ging) auch anders.
Harald Meller stellt eine These auf, die mich nicht mehr loslässt: Was, wenn Hierarchie und Macht gar nicht “natürlich” sind? Was, wenn wir nur 1 % unserer Geschichte im Patriarchat verbracht haben – und 99 % egalitär gelebt haben?
Ägypten? Ein riesiges Gefängnis. Macht über Menschen. Einer an der Spitze.
Aber davor? Meller beschreibt: keine Kriege, keine zentralisierte Macht.
Der Mensch als kooperatives, nicht kriegerisches Wesen. Wir waren Jäger und Sammler. Wir waren wenige. Wir waren gleichgestellt. Es gab hoch angesehene Frauen – wie die Schamanin von Bad Dürrenberg, begraben mit allen Ehren. Nicht als Herrscherin, sondern als Gesehene.
Und dann kam der erste Zaun. Krieg begann, als Grenzen gezogen wurden. Und auch Frauen bekamen mehr und mehr Zäune um ihr Leben.
Dass Männer als Mächtige an der Spitze stehen (und zum Teil sehr schlimme und narzisstische Männer) scheint für uns normal zu sein.
Aber ist es das?
Wir waren frei. Wir hatten keine Grenzen. Es gab Aggression und Totschlag. Aber keinen Krieg.
Was Meller ausgräbt, erfindet Le Guin neu.
Sie schreibt über Macht. Es geht darum, den Missbrauch zu erkennen und die Verantwortung zu tragen. Für sich selbst. Dann kann Macht leise werden. Nicht Herrschaft. Sondern Verantwortung.
Ein gutes Beispiel ist der Magier Ged (Erdsee Bücher). Er geht den Weg durch die Macht, übernimmt Verantwortung, trägt sie, stellt sich seinem Schatten. Zerbricht fast daran, verliert seine Macht. Es ist ein harter und transformativer Weg. Kein Weg in die Glückseligkeit. Aber hin zu etwas Wahrem.
Zu dem, der er ist.
Verantwortlich. Erwachsen. Geläutert.
Wenn Meller recht hat – und wenn Le Guin recht hat – dann bedeutet das: Die 99% sind noch in uns.
Dann ist meine Weigerung, mich unterzuordnen, keine Störung. Dann ist meine Intuition keine Fehlfunktion. Dann ist das, was in mir widersteht, wenn jemand Macht über mich haben will, Erinnerung.
Eine Erinnerung, die tiefer reicht als Hierarchie und Patriarchat. Eine Erinnerung an Freiheit. An Gleichstellung. An eine Zeit, in der es noch keine Zäune gab.
Und vielleicht ist genau das die Arbeit, die jetzt ansteht: Ausgraben, was verschüttet wurde. Eine Archäologie der Seele. Nicht, um zurückzugehen. Sondern um zu verstehen: Es geht auch anders.
Die Intuition stirbt nicht. Sie wird verschüttet. Aber sie ist da. Leise. Unerschütterlich. Und wenn wir ihr wieder zuhören – dann erinnern wir uns.
An die 99%.

Schreib mir, wenn du magst an letter @ melaniewerth . de
Quellen: Harald Meller „Die Himmelsscheibe von Nebra – Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“ (2018, mit Kai Michel); „Das Rätsel der Schamanin“ (2022); „Die Evolution der Gewalt“ (2024) sowie mehrere Interviews; Ursula K. Le Guin „Erdsee – die illustrierte Gesamtausgabe“ (2018)
